Mittwoch, 18. Januar 2012

Zur Bildung bei den öffentlich-rechtlichen und den Privatsendern


1.      Vorgehen zur Konvergenz im dualen Rundfunk

Die These dieser Arbeit ist, dass sich nur geringfügig eine Annäherung der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten und Privatsender nach Einführung des dualen Rundfunks vollzogen hat. Nach einer einleitenden Thematisierung des Maßstabs zur Beurteilung dieser Frage, werde ich mich vorrangig auf die präzise Formulierung des Konvergenzbegriffes, die erwähnte Annäherung zwischen den Sendeanstalten, beziehen. Dabei werde ich mich insbesondere auf Udo Michael Krüger berufen, der schließlich schlussfolgert, dass nur relevante Konvergenz, das heißt Konvergenz hinsichtlich des Inhalts und nicht Konvergenz hinsichtlich des Darstellungsformates eine Rolle spielt. Gemäß dieser Unterscheidung kommt Krüger zu der Schlussfolgerung, dass keine Konvergenz vorliegt. Krügers Unterscheidung werde ich als relevante Unterscheidung am Beispiel des Frühstücksfernsehens aufzeigen. Danach werde ich die Gegenposition exemplarisch am Text von Klaus Merten aufzeigen, die meines Erachtens argumentativ nicht überzeugen kann. Abschließend werde ich kurz weitere Ergebnisse der vorgeschlagenen Unterscheidung nach Krüger vorstellen.


2. Einleitung- die Forderung nach „bildendem“ Fernsehen

Gibt das öffentlich-rechtliche Fernsehen den Bildungsanspruch unter Konkurrenzdruck auf? Verliert es damit seine qualitative Ausnahmestellung und gleicht es sich den Privatsendern an? Mehr als 25 Jahre dualer Rundfunk zeigen: Die ARD und ZDF sind immer noch mit knapp 25% Marktanteil, die beliebtesten Fernsehsender Deutschlands. Schnell wird hier gemutmaßt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihre angeblichen Bildungsansprüche aufgegeben hätten, um diesen Status zu halten. Doch eine Beurteilung dieser Frage gestaltet sich als schwierig. Haben denn die öffentlich-rechtlichen Sender jemals Bildung so elitär vertreten wie wir vermuten? Glauben wir ernsthaft, dass Bildung vielleicht so wie Hegel sie formulierte als der Weg der Seele, welche durch ihre eigenste Erfahrung sich durch die Natur einmal selbst durchwandert und dann als geläuterter Geist vor sich erscheint mit der zufriedenen Erkenntnis, was sie selbst ist (Vgl. Hegel 1986:72) – glauben wir ernsthaft, dass solche oder andere Art der Bildung jemals über das Fernsehen vermittelt wurde? Oder meinen wir vielleicht mit der Forderung nach Bildung eine ganz andere soziale Funktion, die das Fernsehen erfüllen soll?
Um es von Vornherein zu sagen: Mir ist unklar, was Bildung eigentlich sein soll und ich will hier auch keine Hegelianische Position vertreten. Würden wir aber wirklich eine umfassende Bildung vom Fernsehen erwarten, dann würden wir wahrscheinlich zur These Postmans gelangen, dass das Fernsehen vielmehr durch Bücher zu ersetzen wäre. Ungeachtet dieser Fragen der Bildung glauben wir allerdings, dass es Qualitätsunterschiede im Fernsehen gibt. Zum Beispiel glauben wir, dass Unterhaltung einen geringeren Wert besitzt als die politische Information. Welche Qualität verlangen wir also vom Fernsehen?
Berücksichtigen wir, dass gerade die Gebildeten (gezählt werden die Gesellschaftsmitglieder, die mindestens ein Abitur besitzen) von 1964-2000 den Fernseher tendenziell ausschalten und eher zur Tageszeitung greifen und auch die politisch Interessierten viel stärker Tageszeitungen nutzen (Vgl. Meulemann 2005:315), so erkennen wir, dass es bei der Konvergenzdebatte nicht primär um die Bildung geht, das heißt wie tief wir uns mit Sachverhalten eingehend beschäftigen wollen. Meine These ist, dass das Fernsehen vor allem die Nachfrage nach Aktualität bedient. Es erzeugt eine gegenwärtige soziale Wirklichkeit für alle, das heißt für eine mit Fernsehgeräten voll versorgte Gesellschaft und aus diesem Grund wird das Fernsehen auch als Ausgleichsmedium bezeichnet (Vgl. Meulemann 2005:315), das wie in Lagerfeueratmosphäre Zivilisationen um die aktuellsten Ereignisse herum versammelt. Sobald wir uns allerdings für tiefgründigere Informationen oder sogar für Bildung interessieren kommen wir auf Tageszeitungen oder andere Medien  wie Bücher zurück.
Fernsehen steht also für Aktualität und hat weniger mit Bildung zu tun als wir vermuten. Bildung vollzieht sich nämlich primär im Medium der Schrift. So war zum Beispiel der Humanismus vermittels eines großangelegten Schulangriffs auf Bildungsferne ein Alphabetisierungsprojekt (Vgl. Sloterdijk 2008). Und würden wir dessen Bildungsideale wirklich vom Fernsehen abverlangen, so müssten ARD und ZDF ungefähr die Hälfte ihres Programms in Latein und Altgriechisch gestalten. Solche Bildung jedoch gehört an die Universität oder in die Schule. Im Fernsehen hat noch niemand Lesen, Schreiben, Rechnen, Argumentieren (unsere grundlegenden Kulturtechniken) erlernt. Und dennoch, obwohl es hier nicht um Bildung geht, bleibt die Frage nach qualitativem Fernsehen bestehen: Wie muss das Fernsehen bei der Konstruktion von aktualer Wirklichkeit einem Gedanken von Qualität gerecht werden. Denn so viel ist uns klar: Es gibt schlechtes Fernsehen.
Aus diesem Grund wird das Fernsehen in dieser Arbeit nicht an irgendwelchen unklaren Bildungsidealen gemessen, sondern gemäß der Frage wie es Aktualität vermittelt beurteilt – zum Beispiel kritisch und unabhängig oder unkritisch und von Quoten und Werbeverträgen abhängig. Ganz lässt sich dabei die Bildung natürlich nicht ausklammern, da Bildung bei der Frage, welche Nachrichten aktuell sein sollen, eine Rolle spielt. Sollte es uns zum Beispiel interessieren, inwiefern der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin sich zu Sozialreformen positioniert oder eher welche Frisur er oder sie trägt? Ganz klar wir geben der politischen Information als qualitativere Information den Vorrang. Denn diese Information betrifft Fragen von sozialer Dringlichkeit. Dieser Kern der sozial dringlichen Aktualität wird bei dieser Arbeit ungefragt vorausgesetzt. Demnach zieht das Genre der Unterhaltung prinzipiell den Kürzeren. Das es auch Unterhaltung mit Haltung gibt oder aber, dass einer nicht notwendig bei der Unterhaltung verblöden und diese zu einer Gesellschaft dazu gehört, das sind Tatsachen, die hier zunächst, obwohl sie wahr sind, eine geringere Rolle spielen werden.


3. Der Konvergenzbegriff

Die Dynamik, die sich aus unserer diffusen Forderung nach mehr Bildung ergibt, zeigt sich bereits daran, wie sich die Debatte um die Konvergenz vollzog. Im Folgenden werde ich diese Debatte näher beleuchten und dabei den Konvergenzbegriff, seine historische Entwicklung und seine präzisere Deutung durch Krüger eingehend erläutern.

3.1 Das medienpolitische Dilemma hinsichtlich des Konvergenzbegriffes

Gemäß der Darstellung Udo Michael Krügers standen die öffentlich-rechtlichen Sender nach der Einführung des dualen Rundfunks schnell vor der Forderung, ihre Legitimation zu beweisen (Krüger 2001:190). Ihre Existenzberechtigung wurde angezweifelt, einerseits da sie stark an Zuschauerzahlen verloren, andererseits weil ein Ausbau der Unterhaltung, um Publikum zu halten, eine Angleichung an die Privatsender bedeutete und damit die Frage aufkam, ob wir überhaupt staatlich bezahlte Sender benötigen, wenn diese doch den Privatsendern gleichen. Im Spannungsfeld zwischen einem Programm, das sich auf Politik, Kultur und Bildung konzentriert, so aber nicht attraktiv auf das Gros des Publikums wirkt und der Forderung massenattraktive Programme zu bieten, gerieten die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in ein Dilemma. Entweder sie würden sich bei fallenden Zuschauerzahlen und damit auch verbundenen fallenden Werbeeinnahmen auf ein politisches und kulturelles Programm konzentrieren oder aber unter dem Konkurrenzdruck der Privatsender verstärkt auf massenattraktive Unterhaltungsprogramme setzen und damit dem Bildungsauftrag nicht mehr ausreichend gerecht werden (Vgl. Krüger 2001:190). Die Alternative lief, so Krüger, auf die Bedrohung der Existenz in beiden Varianten hinaus. 
Bei der Debatte um dieses Dilemma nützte vor allem Medienpolitikern, die an einem Ausbau des Privatfernsehens interessiert waren, ein unzulänglicher Konvergenzbegriff. Die Motivationen sahen folgendermaßen aus: Insofern das öffentlich-rechtliche Fernsehen sich auf ein schmales Kultur- und Bildungsprogramm beschränken würde, könnte das Privatfernsehen durch weniger Konkurrenz seine Massenattraktivität weiter ausbauen und mehr Geld durch Werbung einnehmen. Ein ungenauer Konvergenzbegriff bedeutete dabei simpel formuliert, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen notwendig verlieren müsste. Denn da das Privatfernsehen mit niedriger Qualität startet, die öffentlich-rechtlichen Sender hingegen mit hoher Qualität, so muss in einer Ausgleichsbewegung notwendig das öffentlich-rechtliche Fernsehen verlieren, während die Privatsender gewinnen (Vgl. Krüger 2001:191). Aber war dies tatsächlich der Fall? Hatten die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten wirklich ein ausschließlich hohes Niveau? Um die Frage nach dem angeblichen Qualitätsverlust der öffentlich-rechtlichen Sender genauer bearbeiten zu können und ihn frei von einer medienpolitischen Debatte entfalten zu können, schlägt Krüger eine genauere Fassung des Konvergenzbegriffs vor. Dieser Konvergenzbegriff soll nun näher erläutert werden.
Bereits 1989 mit der Einführung des dualen Rundfunks und der damit verbundenen Konkurrenzsituation vermutete Heribert Schatz erstmals eine Verschiebung in der Funktion des Fernsehens. Die Funktion würde nicht mehr vordergründig das Herstellen von Öffentlichkeit sein, sondern zunehmend an ökonomischen Gesichtspunkten orientiert, eine konvergente Entwicklung durchlaufen (Vgl. Krüger 2001:188). Für die Plausibilität dieser These sprachen damals verschiedene Faktoren: Die neuen Privatsender mussten sich zunächst an den am Zuschauermarkt etablierten Programmen orientieren, wobei besonders die Qualität der Abendnachrichten, da diese den Einstieg in das nutzungsstarke Abendprogramm darstellten, einen wichtigen Orientierungspunkt bildete. Die Privatsender würden also versuchen dasselbe Prestige mit ihren Nachrichten zu erreichen, um Kundenbindung zu erreichen. Andererseits war klar, dass mit dem Markteintritt der Privatsender automatisch Zuschauerverluste für die öffentlich-rechtlichen Sender einhergehen würden. Auf diesen Konkurrenzdruck, so wurde angenommen, mussten die öffentlich-rechtlichen Sender reagieren. So musste sich gemäß dieser Logik ein Ausbau der Unterhaltung anbieten, um die Publikumsattraktivität zu erhöhen (was sich dann mit dem Ausbau der Programme zum Vollprogramm, das heißt dem durchgängigen Sendebetrieb, tatsächlich auch erfolgte).
Konvergenz vollzieht sich so verstanden in jedem Fall, wie bereits festgestellt, immer zu Ungunsten der öffentlich-rechtlichen Sender, da die Privatsender mit dem Markteintritt zunächst auf den Bereich Unterhaltung, also niedrige Qualität setzen würden und die öffentlich-rechtlichen Sender im Bereich der Nachrichten und der Kultur, also in den Bereichen hoher Qualität zunächst die Markthoheit hätten. Bestätigt wurde diese Konvergenz zunächst durch unserer Alltagserfahrung und erschien deswegen plausibel. Sendungen der Privatsender wie Meiser, Explosiv und Gute Zeiten Schlechte Zeiten  wurden durch Sendeformate wie Fliege, Brisant und Verbotene Liebe von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten kopiert (Vgl. Krüger 2001:191). Ohne sich auf konkrete empirische Untersuchungen zu berufen, galt die Konvergenz schnell als bewiesen und konnte medienpolitisch, so die Einschätzung von Krüger, instrumentalisiert werden.

3.2 Die Kerngedanken der Konvergenzthese

Gemäß Krüger formulierte Schatz zunächst drei Thesen zur Konvergenz (Vgl. Krüger 193). Erstens, zweckrationale Konkurrenten im Bereich der Medien, das heißt auf Gewinn orientierte Akteure, würden beide versuchen ein massenattraktives Programm zu etablieren, um so höhere Werbeeinnahmen erzielen zu können. Zweitens, wären die Zuschauerpräferenzen auf einer Skala zwischen qualitativ hochwertigen Informations- und Bildungsprogramm und dem qualitätslosen  Programm aus „Horror, Sex und Gewalt“ (Krüger 2001:193) normalverteilt. Drittens, schließlich wäre Programmqualität diejenige Variable, die bei dem Konkurrenzkampf gestaltet werden kann. Beide Konkurrenten sind nämlich daran interessiert auf dem Niveau zu senden, wo sich die meisten Zuschauerpräferenzen ergeben, das heißt auf dem Median der normal verteilten Kurve der Zuschauerpräferenz. Dadurch ergibt sich für beide Sender ein Konvergenzdruck. Schatz kommt damit zu folgender Definition von Konvergenz:
„Konvergenz ist demnach ein Prozeß der Programmangleichung zwischen konkurrierenden Anbietern in Richtung auf ein optimal an den Zuschauerpräferenzen ausgerichtetes Programmprofil, wobei der Konvergenzdruck auf einen Anbieter um so höher ist, je weiter sein Programmprofil vom Median der Zuschauerpräferenz ist.(Schatz 1994:70 zitiert nach Krüger 2001:193)
Konvergenz ist also nicht mehr einfach die einfache Angleichung der öffentlich-rechtlichen Sender an die Programminhalte der Privatsender, die beide schalten und walten wie sie wollen, sondern vielmehr entsteht Konvergenz durch Konkurrenzdruck beidseitig, wobei auch die Präferenzen der Zuschauer ausschlaggebend für die Programmgestaltung sind und die damit verbundene Reduzierung auf ein von der Durchschnittsbevölkerung akzeptiertes Mittelmaß zwischen Anspruch und Unterhaltung im Fernsehen bewirken. Es ist demnach nicht so, dass die öffentlich-rechtlichen Sender Privatsender einfach kopieren würde, sondern eine wesentliche Rolle spielt, wie sich die entsprechenden Kämpfe am Markt vollziehen. Daher geht die Unterhaltung auch die öffentlich-rechtlichen Sender mit ihrem wie auch immer gearteten Bildungsauftrag etwas an. Hierbei steht nämlich die Frage im Mittelpunkt welches Mittelmaß eine Gesellschaft will. Dieses Mittelmaß aber wird durch die Einwirkung auf die Rezipienten (Zuschauer werden durch die begrenzte Programmauswahl eingeschränkt), als auch durch die Auswirkung von den Rezipienten auf die Programmanstalten zurück (Zuschauer zum Beispiel kritisieren öffentlich, oder schalten einfach ab) vollzogen. Dabei geht es nun nicht darum zu behaupten, die Medien machen die Wirklichkeit oder alternativ der Fernsehzuschauer bestimmt, was läuft. Es geht hier nicht um ein ent oder weder, sondern um einen tatsächlichen sozialen Prozess; die Frage also, inwiefern das Verhalten des Einzelnen (der Fernsehzuschauer) das Makrophänomen Fernsehen hervorbringt (hier das Fernsehprogramm der Sendeanstalten) und wie diese beiden sich wechselseitig beeinflussen. Auch wenn dieses Argument hier noch mehr einer Intuition entspricht, bildet es die Grundlage für weitergehende Überlegungen, warum auch die Unterhaltung einen Kulturbetrieb etwas angehen muss, denn die öffentlich-rechtlichen Sender können so gesehen nicht ihre eigenen Elitevorstellungen unabhängig von der Gesellschaft vollziehen, aber auch nicht einfach nur die Unterhaltung sich selbst überlassen.
Trotz dieser Einschränkung Schatz’ auf das soziale Phänomen Konvergenz[1] muss die Konvergenzthese im Hinblick auf die Debatte um den dualen Rundfunk in Deutschland weiter eingeschränkt werden. Einerseits da die öffentlich-rechtlichen Sender aufgrund des Programmauftrags nicht unter allen Umständen „zweckrational“ handeln müssen. Gerade wo keine Werbeeinnahmen mehr durch die öffentlich-rechtlichen Sender erzielt werden, kann das Programm eher Qualitätsstandards wahren. Anderseits wird gemäß diesem qualitativen Programm der öffentlich-rechtliche Rundfunk als hochwertig kategorisiert, was allerdings niemals dem Gesamtprogramm entsprochen hat. Wenn nämlich berücksichtigt wird, dass die Stilisierung der öffentlich-rechtlichen Sender als Informations- und Kulturkanäle niemals zutraf (da zum Beispiel das ZDF immer schon in stärkerem Maße auf Unterhaltung setzte, wie auch die ARD immer schon Unterhaltungssendungen populär machte), so wird die Konvergenzthese nicht mehr ohne weiteres anwendbar. (Vgl. Krüger 2001:195).
Krüger schlägt nun vor, den Faktor der Programmnorm in der Konvergenzdebatte entsprechend zu berücksichtigen. Insofern wir berücksichtigen, dass die Programmnorm für die nicht werberelevanten Zeiten stärker gewichtet ist als der Konkurrenzdruck, so kann eine Stabilität des öffentlich-rechtlichen Programms gegenüber der Konvergenz angenommen werden (Vgl. Krüger 2001:195). Die beobachtete Konvergenz ist nach Krüger also eine gerichtete, was bedeutet, dass sich die Privatsender in ihrer Programmqualität den öffentlich-rechtlichen Sendern anpassen, aber nicht unbedingt umgekehrt.[2]

3.3 Die relevante Konvergenz - Unterscheidung nach Form und Inhalt

Wie hätte sich das Informations- und Unterhaltungsangebot der öffentlich-rechtlichen Sender entwickelt, wenn es 1984 nicht zur Einführung des dualen Systems gekommen wäre?  (Vgl. Krüger 2001:195) Die Frage ist schwer zu beantworten, aber niemand wird wohl in diesem Gedankenexperiment davon ausgehen, dass alles beim Alten geblieben wäre. Die Relevanz dieses Gedankenexperimentes zeigt sich schnell. Denn gehen wir im Vorhinein davon aus, dass jegliche Innovation auf Seiten der öffentlich-rechtlichen Sender nur als eine Reaktion auf den Konkurrenzdruck der Privatsender zu werten wäre, so müssten die öffentlich-rechtlichen Sender sich eine kulturelle Starre begeben, sich in einer zeitlichen Wiederholungsschleife verlieren. Nur weil sich also das Programm der öffentlich-rechtlichen Sender verändert, heißt das noch nicht, dass es sich dabei um Konvergenz handelt, also die die Sender auf Konkurrenzdruck reagieren. Es könnte sich so zum Beispiel hinter jedem korrelativen Zusammenhang zwischen Innovation im Programm und Imitation dieser auch nur um eine Scheinkorrelation handeln. Zum Beispiel könnte es sein, dass die Sender sich verändern, weil neue Technik die Programmgestaltung erleichtert oder weil ein Wechsel in der gesellschaftlichen Luft liegt (z. B. der Beitritt der Neuen Bundesländer). Dementsprechend stellt sich auch nach Analysen von Bruns und Marcinkowski heraus, dass durchaus beidseitige Anpassungen, als auch Imitation von beiden Seiten zu erkennen ist (Vgl. Krüger 2001:199), was darauf hindeutet, dass die Veränderung des Programms vielleicht auch durch ganz andere Faktoren motiviert ist. Es könnte zum Beispiel auch der Einfluss des amerikanischen Fernsehens eine wichtige Rolle spielen.
Darüber hinaus wird bei dieser Debatte wer nun von wem abschreibt, abschaut, kopiert oder stiehlt vernachlässigt, dass das jeweilige Genre der Veränderung von entscheidender Bedeutung ist. Sollte es zum Beispiel Konvergenz hinsichtlich von Daily Soaps geben, allerdings Divergenz hinsichtlich der Politikmagazine, so ist diese Tendenz sicher nicht von einer solch medienwirksamen Schlagkraft als würden die öffentlich-rechtlichen Sender ihr qualitatives Kernsegment die politische Information anpassen (Vgl. Krüger 2001:199).
Aus diesen Gründen schlägt Krüger eine andere Betrachtungsweise vor: Eine Unterscheidung zwischen Inhalt und Darstellungsform. Die Vermutung ist folgende: Zwar würden die öffentlich-rechtlichen Sender unter Umständen in der Präsentation sich den Privatsendern anpassen, wodurch eine gewisse Konvergenz hinsichtlich der Genres zu beobachten wäre, hingegen würden die öffentlich-rechtlichen Sender im Hinblick auf die Inhalte immer noch qualitativ hochwertiger arbeiten. So wäre zu vermuten, dass vielleicht sowohl die Privatsender als auch die öffentlich-rechtlichen Sender Boulevardmagazine in ihr Programm aufnehmen, die thematische Gestaltung wäre allerdings dann bei den öffentlich-rechtlichen Sendern eher von qualitativen Berichten geprägt. Sicher ist dieses bei Boulevardmagazinen nicht sofort ersichtlich, allerdings ist ersichtlicher, dass Nachrichtenmagazine vorrangig in Bezug auf ihre Inhalte und nicht in Bezug auf ihre Präsentationsform betrachtet werden müssen. Die Konvergenzdiskussion bezüglich der Darstellungsform wäre somit nach Krüger eher eine Frage der Modernisierung, allerdings bezüglich der normativ relevanten Konvergenz, dem Inhalt vernachlässigbar (Vgl. Krüger 2001:200) Die Relevanz dieser Unterscheidung nach Inhalt und Form soll im folgenden am Beispiel des Frühstücksfernsehens überprüft werden.

4. Frühstücksfernsehen im Vergleich

Mit einem Achtel der gesamten Sendezeit ist das Frühstücksfernsehen, auch wenn es zu einer publikumsschwachen Zeit sendet, ein wesentlicher Bestandteil des Programms (Vgl. Krüger 2006:1) und kann deswegen als Testgegenstand Hinweise zur Rechtmäßigkeit der Unterscheidung nach bloß formaler und inhaltlich relevanter Konvergenz liefern. Das Frühstücksfernsehen wurde 1987 als Neuerung von den Privatsendern eingeführt und dann 1992 durch ein gemeinsames Morgenmagazin bei ARD/ZDF imitiert. Formal können wir hier also von Konvergenz ausgehen. Ob allerdings die relevante inhaltliche Konvergenz vorliegt, kann, wenn wir Krüger ernst nehmen, erst nach einer Untersuchung der Inhalte bewertet werden. Herangezogen wird an dieser Stelle eine Studie von Krüger aus dem Jahre 2005 wobei exemplarisch für die Privatsender SAT.1 mit seinem Frühstücksmagazin berücksichtigt wird. Einschränkend muss hierbei erwähnt werden, dass wir nicht Konvergenz untersuchen, sondern die Frage, ob es trotz formaler Gleichheit des Genres Unterschiede im Inhalt gibt. Wenn das der Fall wäre, dann könnten wir nicht von Konvergenz sprechen, nur weil die öffentlich-rechtlichen Sender das Frühstücksfernsehen kopieren.
Betrachten wir also im Folgenden die inhaltlichen Schwerpunkte der doch ähnlichen Formate:

Abb.1 Anteile der Themenbereiche an der Gesamtsendung in Prozent
 Sat.1 Frühstücksfernsehen                                  ARD/ZDF Morganmagazin


Untersuchungszeitraum: 29.03.05 – 01.04.05, sowie 05.12.05 – 09.12.05
Quelle: Krueger 2006:6/7

An den Kreisdiagrammen lassen sich die prozentualen Anteile der verschiedenen Themenbereiche im SAT.1 Frühstücksfernsehen und im ARD/ZDF Morgenmagazin ablesen. Hierbei lässt sich folgendes erkennen: Allein durch den hohen Anteil der Werbung (22%) verliert das SAT.1 Frühstücksfernsehen bereits wertvolle Sendezeit, die so nicht zur Darstellung anspruchsvoller Inhalte genutzt werden kann. Bei ARD/ZDF entfällt ungefähr 1% auf Sponsorenwerbung. Aufgrund des höheren Sendevolumens liegt bei ARD/ZDF der Anteil der politiknahen Themen bereits bei einem drittel der Sendedauer, während dieser Themenbereich bei SAT.1 gerade ein Zehntel beansprucht. Ebenso ist die Kategorie Kultur/Wissenschaft/Religion/Umwelt bei ARD/ZDF (13%) mehr als doppelt so hoch als bei SAT.1 (Vgl. Krueger 2006:5). Der Sport, was sicher negativ beurteilt werden könnte, hat bei ARD/ZDF einen hohen Anteil, während SAT.1 darauf nur 6% der Zeit verwendet. Schauen wir jedoch auf den Bereich Alltag/Human Interest/Prominenz/Showbiz so sehen wir, dass der Großteil der Sendezeit bei SAT.1 für diesen Bereich genutzt wird (40%). ARD/ZDF erübrigen hierfür gerade mal 15% der Sendezeit.
Wir sehen also, dass die Sender ARD/ZDF weitaus mehr Zeit für politische Information aufbringen und damit als qualitativer einzustufen sind. Wird darüber hinaus noch verglichen, wie die Beiträge zu den verschiedenen Themenbereichen gestaltet werden, so lässt sich zusätzlich feststellen, dass ARD/ZDF besonders Gäste zu den Bereichen Politik und Wirtschaft vertiefend Stellung nehmen lassen, was zu einer Erhöhung der Qualität führt. Hier beschränken sich die Privatsender allein auf das Senden der Berichte (Vgl. Krueger 2006:15).
Es lässt sich also schlussfolgern, dass ARD/ZDF mit ihrem Frühstücksfernsehen ein qualitativ hochwertigeres Programm liefern als SAT.1; qualitativ hochwertiger, wenn die Themenbereiche Politik und Wirtschaft als Indikatoren für Qualität gelten.
Zwar haben wir hier keine Vergleichstudie zwischen dem Sendungsformat damals und heute und können deswegen nicht unmittelbar Aussagen zur Konvergenz machen. Vielleicht war das Frühstücksfernsehen von ARD/ZDF 1992 hochwertiger als 2005. Doch hierzu lässt sich sagen, dass auch zwölf Jahre nach der Übernahme des Sendungsformates ARD/ZDF das bei weitem qualitativere Produkt liefern. Es lässt sich also die Vermutung anstellen, dass wenn Konvergenz vorliegt, dann nur minimal. Annahmen jedoch, dass die bloße Imitation eines Sendungsformates auf Konvergenz schließen lässt, wird mit diesem exemplarischen Beispiel widerlegt. Krügers Hinweis also, dass wir Konvergenz nach dem Inhalt der Formate beurteilen müssen, bestätigt sich hier.[3]


4. Mertens Konvergenz

Klaus Merten sieht die Sache anders. Bei ihm heißt es:
Kaum vorausgesehen wurde dagegen ein anderer Aspekt, nämlich die Tatsache, dass die durch die Privatisierung notwendig sich ergebende Kommerzialisierung des Fernsehens nicht bei den privaten Anbietern haltmachen, sondern auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten zentral in ihrem Selbstverständnis treffen und ihre Existenz in Frage stellen würde. (Merten 1994:152)
Klaus Merten versteht die Privatisierung der öffentlich-rechtlichen Sender bereits als Tatsache, die durch die Einführung des dualen Rundfunks ausgelöst worden ist. Die Beweise die Merten jedoch vorlegt, können, wie wir sehen werden, nicht überzeugen.
Während Merten behauptet, dass Krüger mit seinem Konvergenzbegriff sich allein auf eine beidseitige Anpassung bezieht und damit a priori ausschließe, dass Konvergenz vorliege, insofern sich die öffentlich-rechtlichen Sender nur den privaten Sendern annähern (was den Kern Krügers Thesen vollkommen verkennt)[4], beschränkt er sich zum einen darauf, Konvergenz hinsichtlich der tatsächlich gesendeten Informationssendungen im Verhältnis zu den Unterhaltungssendungen zu untersuchen; zum anderen auf eine Analyse der veränderten Programmstruktur, also wann Informationssendungen und wann Fiction und Unterhaltung gesendet werden, was eine Nutzungschance bei den Rezipienten eventuell verringert.
Doch die Veränderung des Anteils der Informationssendungen lässt sich schwerlich untersuchen, schließlich haben auch die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ihr Programm zum Vollprogramm ausgebaut, wodurch sich prozentuale Vergleiche nur bedingt ziehen lassen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die öffentlich-rechtlichen Anstalten, wenn sie ihr Programm ausbauen auch unbedingt die Zahl der Informationssendungen erhöhen müssen. Was sollte sich denn verschlechtern, wenn die bisherigen Informationssendungen erhalten bleiben und ergänzend Unterhaltung gesendet wird? Durch einen Vergleich jener prozentualen Anteile zwischen Information und Unterhaltung kommt Merten jedoch zu seinem radikalen Schluss: „Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben ihr Informationsangebot tendenziell ausgetrocknet.“ (Merten 1994:160) Eine harte Schlussfolgerung, so könnte doch leicht vermutet werden, dass wenn etwas ausgetrocknet wird, dann auch nichts übrig bleibt. Die Schlussfolgerung erweckt den Eindruck als hätten die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten keine Informationsangebote mehr im Programm. Tatsächlich hat nach einer von Merten so genannten „Feinanalyse“ die ARD ihr Informationsangebot von 8230 Minuten im Jahre 1980, bevor der duale Rundfunk existierte, auf 7651 Sendeminuten im Jahre 1993 reduziert. Ein leichter Rückgang also. Wie hier dann von Austrocknung gesprochen werden kann, erklärt sich nach Merten, wenn die Erhöhung der Gesamtsendekapazität betracht werde. Die Erhöhung der Gesamtsendekapazität um 161% bedeute also einen Rückgang der Informationsangebote um 59% . Was allerdings nun doch aber nicht bedeutet, dass die öffentlich-rechtlichen Sender an Qualität verloren hätten, sondern nur dass sich der Anteil an Informationssendungen durch Ergänzung des Programms verschoben hat. Wir können also nicht ohne weiteres auf Konvergenz schließen. Bei Mertens Programmanalyse beider Sender ARD und ZDF verschieben sich dann die Anteile in noch unwesentlicher. Es ergibt sich für ihn folgendes Bild für die zweifelbare relative (!) Veränderung der Programmstruktur:
Das Segment Information/Unterhaltung (hier als Infotainment bezeichnet) verzeichnet einen Zuwachs von 10,9 %, während die Sparte Information 13 % verliert. Als Infotainment wird hier nach Mertens Aussage so etwas wie Boulevardmagazine oder Talkshows gewertet. Nach dem vorherigen Vergleich des Frühstücksfernsehens der öffentlich-rechtlichen Sender und der Privatsender dürfte nun jedoch zu vermuten sein, dass ARD und ZDF hier inhaltlich durchaus qualitativere Informationen liefern. Nehmen wir also dieses Segment zur Informationssparte hinzu, so gibt es einen geringfügigen Verlust an Informationssendungen, wobei wir hier nur die relative Veränderung berücksichtigen, und das über gerade einmal 13 Jahre hinweg gerechnet. Aufgrund dieser marginalen Verluste kann die Anzahl der Informationssendungen nur schlecht als Indikator für Konvergenz gelten und eine Redeweise wie Austrocknung erscheint hier mehr als unangebracht.
Etwas treffersicherer zeigt sich Merten allerdings bei der Analyse der Nutzungschancen. Merten stellt hierbei fest, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Informationsangebot zu Gunsten der Unterhaltung reduzieren. In der Zeit von 17:30 Uhr bis 20 Uhr (also in der werberelevanten Zeit) reduziert die ARD ihren Informationsanteil von 100% auf 57,4 %  bzw. das ZDF auf 87,7%. Gemäß Merten findet eine Verlagerung dieser Informationssendungen auf die Zeit nach 22 Uhr statt, eine quotenschwächere Zeit im Vergleich zu 19-20 Uhr. Durch diese Verlagerung der Sendezeiten verringert sich auch die Nutzungschance, das heißt die Möglichkeit, dass die Fernsehzuschauer das Informationsangebot nutzen können. So hätte, um das Ganze zu verdeutlichen, niemand etwas davon, wenn die Informationssendungen auf 3 Uhr Nachts verlegt werden würden. Bei der Analyse der Nutzungschance ergibt sich nach Merten somit folgendes Bild:
 
In der Zeit von 16-20 Uhr reduzieren die ARD und ZDF ihre Informationsangebote, damit verringert sich die Nutzungschance der Rezipienten, beim Einschalten des Fernsehers auch mit politischen Informationen versorgt zu werden. Die Nutzungschance sinkt auf 40 % im Jahre 1993 im Vergleich zum Jahr 1980. Dieser Wandel des Programms ist gerade deswegen interessant, da diese Bewegung sich in der Sendezeit vollzieht, da die ARD und ZDF werben dürfen und sich somit offenbar dem Konkurrenzdruck durch die Privaten beugen. Allerdings kommen auch hier Zweifel auf, inwiefern diese Konvergenz für das gesamte Programm der öffentlich-rechtlichen Sender verallgemeinert werden darf. Wir haben Konvergenz bewiesen, könnte es medienpolitisch heißen und dabei stillschweigend der Umstand vernachlässigt werden, dass sich die Nutzungschancen insgesamt an politische Informationen zu gelangen, sich mehr als deutlich erhöht haben. Darüber hinaus ist auch nicht klar, ob Merten zum Beispiel sogenanntes Infotainment wie Boulevardmagazine, die vermutlich ebenso qualitativer gestaltet sein werden als die der Privatsender aus der Analyse ausschließt. Dieses wurde bereits am Beispiel des Frühstücksfernsehens deutlich, welches bei dieser Analyse im Übrigen keine Rolle spielen darf.
Anstatt sich Fragen über seine Methode zu stellen, schlussfolgert Merten kühn: „Denn die statistisch harte Prüfung der Konvergenzhypothese hat, so kann man zusammenfassend sagen, nicht zu einer Falsifikation geführt, sondern verweist im Gegenteil auf starke Konvergenzeffekte.“ (Merten 1994:169) Bei genauem Hinblicken finden wir allerdings nur marginale Hinweise.


6. Zusammenfassung und Schlussfolgerung für eine Mediendebatte

Insgesamt haben wir gesehen, dass eine falsche Fassung des Konvergenzbegriffes zu fehlerhaften Resultaten führen kann. Krügers Vorschlag, nach Form und Inhalt zu unterscheiden, haben wir anhand eines Vergleichs des Sendungsformats Frühstücksfernsehen zwischen Privatfernsehen und öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten überprüft und sind zu dem Schluss gekommen, dass es sinnvoll ist diese Unterscheidung durchzuführen. In einem abschließenden Schritt haben wir gesehen, wohin Analysen führen, die diese Unterscheidung nicht berücksichtigen. Mertens überraschend schwache Argumentation wurde dafür als Beispiel herangezogen. Zusätzlich kommt hinzu, dass wenn sich Konvergenz nach den Daten von Merten vollzogen hat, dann nur in sehr geringfügigem Ausmaß.
Letztlich bleibt die Frage über, ob sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk  von einem privaten Unterhaltungsgeschäft zurückziehen soll. Die Beschränkung auf sogenannte Info-Eliten eines Oberschichtenfernsehen, wo sich Kunstkenner und Klassikliebhaber weit ab von Reality-TV, Soaps und Boulevard über den Wert ihrer eigenen Bildung unterhalten, mutet jedoch eher komödiantisch an. Dass sich elitäre Kreise in Kunst- und Kultursendern über ihre Geheimsprachen verständigen, trägt eher zu einer nicht wünschenswerten Spaltung der Gesellschaft bei. Das Fernsehen ist ein Ausgleichsmedium und was von Seiten der Privatsender als Trends in der Unterhaltung gesetzt wird, spielt somit auch für die öffentlich-rechtlichen Sender eine Rolle. Denn das Fernsehen ist kein Medium über das wir Fähigkeiten erwerben und uns über die Maßen bilden, sondern vor allem ein Mittel, das eine gesellschaftliche Wirklichkeit erzeugt, über die wir uns gemeinsam in Alltagsgesprächen austauschen. Zum Alltag allerdings gehört nicht nur das Politische und Kulturelle, sondern auch eine Form der Unterhaltung. Gerade hier können die öffentlich-rechtlichen Sender zu einer „Unterhaltung mit Haltung“ beitragen, wie sie es ansatzweise mit dem Frühstücksfernsehen tun, wenn sie auf die Privatsender reagieren. (Vgl. Stock, Martin 2005:6) Die Konvergenz, die es nicht gibt, ist also auch gar kein Problem für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt, sondern das Problem ist, wie sie zwischen Unterhaltung und politischer Information bzw. Kultur die Waage halten.
7. Literaturverzeichnis

Krüger, Udo Michael: Zur medienpolitischen Instrumentalisierung der Konvergenzthese von Heribert Schatz. In: Abromeit, Heidrun / Nieland, Jörg-Uwe / Schierl, Thomas / Werthes, Sascha / Schatz, Heribert: Politik, Medien, Technik. Festschrift für Heribert Schatz. Wiesbaden 2001
Merten, Klaus: Konvergenz der deutschen Fernsehprogramme. Eine Langzeitstudie 1980-1993. 1994.
Meulemann, Heiner. Medienkonkurrenz – Wandel und Konstanz der Nutzung der tagesaktuellen Medien in Deutschland 1964-2000 In: Aretz, Hans-Jürgen / Lahusen, Christian. Die Ordnung der Gesellschaft – Festschrift zum 60. Geburtstag von Richard Münch 2005
Pietraß, Manuela. Bildungsdefizite durch Infotainmaint? In Fromme, Johannes / Schäffer, Burkhard. Medien-macht-Gesellschaft 2007
Sloterdijk, Peter. Regeln für den Menschenpark 2008
Stock, Martin. Zum Reformbedarf im dualen Rundfunksystem: Public-Service-Rundfunk und kommerzieller Rundfunk – wie können sie koexistieren? 2005 in http://www.rundfunk-institut.uni-koeln.de/institut/pdfs/20405.pdf zugegriffen am 13.02.10











8. Anlage 1 Themenstruktur der Haupnachrichtensendugen

Quelle: Krüger 2000:6


[1] Ich gebe zu, dass meine Deutung hier viel in die Formulierung Schatz’ hineinlegt, dennoch glaube ich, dass eine Aufspaltung in die Ansichten, die Medien machen die Wirklichkeit oder aber der Zuschauer bestimmt seine Wirklichkeit durch diesen präziseren Konvergenzbegriff vorgebeugt wird.
[2] Ich sehe nicht, dass Krüger, so wie Merten später behaupten wird, formuliert, es läge keine Konvergenz vor. Die Frage ist nur, ob wir gerichtete Konvergenz unter einem allgemeinen Konvergenzbegriff subsumieren dürfen, denn gerade das wäre von medienpolitischem Kalkül, wie bereits dargestellt, die Privatsender zu bestärken.
[3] Auch eine Untersuchung der Nachrichtensendungen bietet sich an. So zeige sich in der Darstellungsform  bei Privatsendern und öffentlich-rechtlichen Sendern, dass hinsichtlich des Nachrichtensegments die Berichterstattung in zunehmendem Maße auf sogenanntes Infotainment umgestellt wird. So bestehe vor allem ein Trend, dass der Anteil der Bilder und Schnittfrequenzen gesteigert werde, während der Anteil der Sprache und des O-Tons sich reduziere (Vgl. Pietraß, Manuela 2007:132) Auf der inhaltlichen Seite hingegen dominiere bei den Öffentlich-rechlichen die Darstellung von Politik, Wirtschaft und Zeitgeschichte (gemäß Pietraß die Hälfte der Beiträge), während bei den Privaten Soziales und Fragen der Prominenz die Programminhalte prägen. Hierbei gibt es sogar Schlussfolgerungen auf das Verhalten der Rezipienten: Wer sich eher für Politik, Sozialpolitik, Umweltschutz interessiere, wähle eher die öffentlich-rechtlichen Sender, wobei bei einem Interesse an Naturkatastrophen, Verbrechen, Gerichtsprozessen und Unfällen eher die Privatsender gewählt werden (Vgl. Pietraß 2007:132; siehe auch Anlage 1)
[4] Krüger hatte meines Erachtens lediglich angemahnt in welcher Weise der Konvergenzbegriff instrumentalisiert wird. Es ist dabei relevant, ob es sich bei der Konvergenz um beidseitige oder einseitige Anpassung handelt. Wenn zum Beispiel die Privaten sich im Bereich der Politshows den öffentlich-rechtlichen Sendern anpassen, die öffentlich-rechtlichen Sender aber nicht den Privatsendern, dann kann ein undifferenzierter Konvergenzbegriff dazu führen, dass wir immer vermuten, sobald es sich um Konvergenz handelt, hätten die öffentlich-rechtlichen Sender an Qualität verloren und die Privatsender an Qualität hinzugewonnen. Darüber hinaus ist Krügers Anliegen im Kern eine Unterscheidung nach relevanter Konvergenz hinsichtlich der Inhalte und irrelevanter Konvergenz hinsichtlich der Sendungsformate. Merten verpasst hier also die Intention Krügers.

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